Dr. Hans-Christian Leiggener

«Noch ist der Blick auf den Aletschgletscher atemberaubend schön»

Der Tagesausflug «UNESCO-Welterbe erleben» regt für ein neues Klimabewusstsein an. edelline Gastgeber Dr. Hans-Christian Leiggener zeigt den Gästen auf dem Grossen Aletschgletscher die gravierenden Folgen der Klimaerwärmung. Der Geschäftsleiter der Stiftung UNESCO-Welterbe Swiss Alps Jungfrau-Aletsch spricht über ein Liebespaar im ewigen Eis, interaktive Erlebnisstationen im World Nature Forum und verrät Details zu zwei spannenden Reisen, die in Planung sind.
 

Haben Sie Lust auf Film statt Text? Das komplette Interview mit Dr. Hans-Christian Leiggener gibt's weiter unten auch als Video.

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Wer bist Du?
Ich heisse Hans-Christian Leiggener, bin 44 Jahre alt und Bergführer.

Mit welchen fünf Worten würde Dich Deine Familie beschreiben?
Begeisterungsfähig, genussfreudig, grosszügig, hartnäckig und sportbegeistert.

Dein grösstes Talent?
Schreiben – ich habe Germanistik studiert.

Deine grösste Schwäche?
(Denkt lange nach, dann schmunzelt er) Die Ruhe.

Was ist Deine liebste Freizeitbeschäftigung?
Bei Sonnenschein Sport zu treiben.

Hast Du ein Lieblingsbuch?
Ich mag die «Italienische Reise» von Johann Wolfgang von Goethe – ein Reiseführer erster Klasse.

Welches ist Dein Lieblingslied und was bedeutet es Dir?
«Ds Tanzu Isch Verbottu» von Z’Hansrüedi. Der Walliser Alleinunterhalter singt in diesem Lied über zwei Menschen, die sich nicht lieben durften, weil die Eltern dagegen waren. Das Liebespaar traf sich fortan in einer Alphütte beim Aletschgletscher. Die beiden tanzten und karisierten – bis der Teufel sie erwischte. Sie kehrten nie mehr ins Dorf zurück. Seither tanzen sie im ewigen Eis.

Worauf bist Du am meisten stolz?
Auf gewisse Kletterleistungen in jungen Jahren. Bereits als Fünfzehnjähriger konnte ich im zehnten Schwierigkeitsgrad klettern.

Worauf kannst Du nicht verzichten?
Auf die Sonne.

Wann hast Du das letzte Mal geweint – und warum?
Ich weine relativ häufig – aus Euphorie oder Rührung. Ich kann bei einer Schnulze oder bei einem Happy End im Film Tränen vergiessen. Letztmals passierte mir dies beim Sieg von Marco Odermatt im Super-G in Saalbach-Hinterglemm Anfang März dieses Jahres.

Wovor hast Du am meisten Angst?
Vor dem Klimakollaps.

Dein letzter grosser Frust?
Letztmals richtig geärgert habe ich mich an der alpinen Ski-WM in Cortina d’Ampezzo, als die Schweizer Männer im Riesenslalom und Slalom ohne Medaillen blieben.

Welches Erlebnis hat Dein Leben nachhaltig geprägt?
Im Alter von zehn Jahren stand ich zum ersten Mal auf dem Grossen Aletschgletscher. Ich wanderte mit meinem Onkel zur Konkordiahütte. Auf dem Konkordiaplatz fliessen die Firnmulden Grosser Aletschfirn, Jungfraufirn, Ewigschneefeld und Grüneggfirn zusammen. Dieses Bild hat sich stark eingeprägt bei mir und mich entsprechend sensibilisiert. Und erst die schier unfassbare Eisdicke: Bis zu 900 Meter tief geht es runter.

Was gefällt Dir besonders gut an Deiner Berufung als Reisegastgeber?
Dass ich die Schönheit einer exklusiven Reise mit Freude und 100% Herzblut vermitteln kann. Wenn dies gelingen sollte, geht mir das Herz auf.

Welches ist Deine bisher emotionalste Reise gewesen?
2004 reiste ich zum Great Barrier Reef vor Australien. Das UNESCO-Weltnaturerbe mit seiner Unterwasserwelt am Riff hat mich tief beeindruckt. So etwas kannte ich als Bergler vorher nicht.

Hast Du ein schlimmes Reiseerlebnis erlebt?
Als schlimmes Reiseerlebnis würde ich das nicht bezeichnen, aber meine Reise zu meinem Bruder nach Kuala Lumpur – er ist mit einer Malaysierin verheiratet – stellte sich als wenig lohnenswert heraus. In den zwei Wochen war es mir sehr langweilig. Die Petronas Towers durfte ich ja nicht besteigen (schmunzelt).

Welches ist Dein Sehnsuchtsort – in der Schweiz und im Ausland?
Ich habe mehrere Sehnsuchtsorte. In der Schweiz ist es das UNESCO-Welterbe, etwa die Gipfel der Engelhörner mit Sicht auf das Rosenlauital und Wetterhorn. Oder meine Heimat, die Region rund um das Wiwannihorn. Diesen Kletterberg (3001 m ü.M., die Red.) habe ich schon über hundert Mal bestiegen. Mein Sehnsuchtsort im Ausland ist Sardinien. Diese Insel ist sehr vielseitig. Es gibt Berge zum Klettern, Meer und gutes Essen. Das finde ich reizvoll.

Wenn Du wüsstest, dass morgen die Welt unterginge, was würdest Du noch tun?
Ich würde das Wiwannihorn besteigen und die grandiose Bergwelt geniessen.

Wie kam es dazu, dass Du als Gastgeber mit edelline die Tagesreisen «UNESCO-Welterbe erleben» organisiert hast?
Ein geplatzter Termin bei der Jungfrau Zeitung erwies sich als Glückstreffer. Verleger Urs Gossweiler hatte an diesem Morgen gleichzeitig mit Eurem CEO Beat Ackermann und mit mir abgemacht. Ich überliess Beat den Vortritt. Wir fanden uns offensichtlich sympathisch und verabredeten uns spontan zum Mittagessen. Danach blieben wir per E-Mail in Kontakt. Mir hat imponiert, wie unbernisch schnell Beat jeweils auf meine elektronische Post antwortete.

Wie wichtig für Deine Zusage als Gastgeber ist die Tatsache gewesen, dass diese Tagesreisen in der Schweiz stattfinden?
Sehr wichtig. Schon allein wegen des CO₂-Fussabdrucks. Die Klimaerwärmung hat gravierende Folgen für die Gletscherwelt im UNESCO-Welterbe Swiss Alps Jungfrau-Aletsch. Für dieses Thema möchte ich unsere Gäste sensibilisieren und ihnen etwa auf dem Grossen Aletschgletscher Anschauungsunterricht erteilen. Viele Schweizerinnen und Schweizer wissen nur wenig über ihr eigenes Land, obwohl dieses aufgrund der abwechslungsreichen Topographie aussergewöhnlich ist. Ich behaupte jetzt einfach mal: Alle lohnenden Ecken der Schweiz kennt einer erst, wenn er sich vorzeitig pensionieren lässt und dann bis 80 auf Entdeckungsreise geht.

Was möchtest Du unseren Gästen auf diesen Tagesausflügen vermitteln?
Wie bereits erwähnt: Ich möchte unsere Gäste für den Klimawandel sensibilisieren. In der wunderschönen Gletscher- und Gebirgslandschaft der Aletschregion erleben sie die Auswirkungen der Klimaerwärmung hautnah. Noch ist der Blick vom Aussichtspunkt Moosfluh auf den Grossen Aletschgletscher atemberaubend schön. Auch das World Nature Forum in Naters, fünf Gehminuten vom Bahnhof Brig entfernt, ist ein Erlebnis für alle Sinne. Mit spannenden Filmen, interaktiven Erlebnisstationen, Infografiken und Artefakten wird in der spektakulären Ausstellung der Forschergeist der Besucher geweckt und auf zentrale Fragestellungen im Umgang mit dem Naturerbe verwiesen. Lass mich zwei Glanzlichter der Ausstellung herauspicken.

Gerne.
Im grossen Panoramaraum flimmern nie gesehene Filmszenerien aus dem UNESCO-Welterbe über eine 100 Quadratmeter grosse Leinwand. Attraktiv finde ich zudem den Ambassador-Wagen der Jungfraubahn, der 1912 die Jungfernfahrt auf das Jungfraujoch absolvierte. Er symbolisiert die visionären Projekte der Hochblüte des Tourismus. Der Besucher hat im Wagen die Möglichkeit, die geplante, aber nie realisierte Südanfahrt des Jungfraujochs vom Wallis über den Grossen Aletschgletscher virtuell zu erleben.

Welche Höhepunkte warten auf unsere Gäste?
Auf der Moosfluh können wir das zuvor im World Nature Forum angeeignete theoretische Wissen über die Folgen des Klimawandels in der Praxis vertiefen. Die Tagesreise schärft unsere Sinne für den Klimawandel und das Ökosystem. Die Grimselwelt ist ebenfalls eine faszinierende Region. Im Besucher-Informationszentrum gegenüber des Hotels Grimsel Hospiz wird während den Sommermonaten auf die Wichtigkeit der Wasserkraft und die damit verbundene Stromerzeugung hingewiesen. Eine Ausstellung macht die heute wichtigste einheimische Quelle erneuerbarer Energie erlebbar.

Was wird die Teilnehmer*innen auf der Reise überraschen?
Unsere Gäste werden vom World Nature Forum entzückt sein. Im Besucherzentrum wird das nötige Wissen für das bessere Verständnis des Klimawandels in wohldosierten Portionen und teilweise in spielerischer Form vermittelt. Ich gebe Dir ein Müsterchen: Hast Du gewusst, dass die Eismassen des Grossen Aletschgletschers ausreichen würden, um während viereinhalb Jahren jedem Erdenbürger pro Tag einen Liter Wasser in die Hand zu drücken? Jetzt bist Du überrascht, nicht? (schmunzelt)

Müssen die Teilnehmer*innen spezielle Vorkenntnisse mitbringen?
Nein. Interesse und die Freude, etwas Neues kennenzulernen, reichen füglich.

Was dürfen die Gäste beim Kofferpacken auf keinen Fall vergessen?
Wenn sie nicht das neueste iPhone haben, dann empfehle ich ihnen, eine gute Kamera, am besten eine GoPro Actionkamera und die Sonnenbrille mitzunehmen. Im Wallis scheint fast immer die Sonne!

Du planst mit edelline gerade zwei spannende Reisen: «Lebensader Suonen» und «Wandern in der Aletsch Arena». Was möchtest Du den Teilnehmer*innen auf der Reise «Lebensader Suonen» vermitteln?
Das Zusammenspiel zwischen Suonen und Gletschern. Die Lötschberger Südrampe zwischen Steg-Hohtenn und Ausserberg zählt zu den trockensten und niederschlagsärmsten Gebieten der Schweiz. Ohne die offenen Bewässerungskanäle, Suonen genannt, gäbe es in dieser sonnenverwöhnten Region keine Biodiversität und damit keine Wiesen, Reben und Obstkulturen. Mit diesem künstlich angelegten Wasserleitungs-System wird das Wasser von den Gletschern rund um das Bietschhornmassiv zu den landwirtschaftlich genutzten Feldern geführt. Die zum Teil 700 Jahre alten Suonen winden sich stellenweise schwindelerregend um die Fluhwände. Suonen sind wahre Kunstwerke. Wegen der geologischen Beschaffenheit des Untergrunds erwiesen sich der Bau und Unterhalt der Suonen als sehr gefährliche Arbeiten. Jahr für Jahr mussten deswegen zahlreiche Tote beklagt werden.

Woher stammt das Wort Suone?
Suone leitet sich wahrscheinlich von Sühnen (Mittelhochdeutsch suone, suon, süen) ab und ist somit Ausdruck des Unterhaltes der Suone. Zur Wiedergutmachung der Nutzung des Wassers ist ein Dienst an den Suonen geschuldet.

Was möchtest Du uns auf der Reise «Wandern in der Aletsch Arena» vermitteln?
In der Aletsch Arena können unsere Gäste die Gletscherwelt und 40 Viertausender bewundern. Es gibt keinen besseren Aussichtspunkt als das Eggishorn. Der formschöne Grosse Aletschgletscher liegt uns in einer Länge von 22 Kilometern zu Füssen. Die anschliessende Wanderung zum Märjelensee ist eine spezielle Erfahrung. Früher war der Märjelensee ein gefürchtetes Gewässer, weil er mit dem Gletscher verbunden war. Heute ist er abgetrennt von den Eismassen. In dieser vermeintlich karg anmutenden Landschaft ist die Sukzession des Ökosystems gut zu beobachten. Sie wirkt sich optimal auf Fauna und Flora aus. Eine andere Wanderung führt uns via Bettmerhorn zum Grossen Aletschgletscher. Wir werden das Eis betreten und uns nach einem 20-minütigen Spaziergang verwundert die Augen reiben: Das Eis unter uns ist 400 Meter dick.

Müssen unsere Gäste für die beiden Wanderungen «Lebensader Suonen» und «Wandern in der Aletsch Arena» spezielle Vorkenntnisse mitbringen?
Sie müssen trittsicher sein, gutes Schuhwerk tragen und bereit sein, zwischen vier und fünf Stunden zu wandern.

Interview: Thomas Wälti
 

 

Bietschhorn und Matterhorn: Das Dutzend ist voll

Hans-Christian Leiggener wurde am 29. Dezember 1976 in Ausserberg VS geboren. 2005 promovierte der Germanistikstudent an der Uni Bern mit der Forschungsarbeit «Audiovisueller Sprachatlas der deutschen Schweiz».

Seit September 2017 ist der gebürtige Walliser Geschäftsleiter der Stiftung UNESCO-Welterbe Swiss Alps Jungfrau-Aletsch und des World Nature Forums in Naters. Er erwarb im Jahr 2000 das Bergführerpatent und stand je zwölf Mal auf den Gipfeln des Bietschhorns und Matterhorns sowie einmal auf dem Mont Blanc.

In seiner Freizeit treibt Dr. Hans-Christian Leiggener Sport, etwa Langlauf, Sportklettern und Velofahren. Er ist verheiratet, Vater eines Kindes und wohnt in Büren an der Aare.

Möchten auch Sie mit Dr. Hans-Christian Leiggener verreisen?

Aktuell haben wir folgende Reisen mit Dr. Hans-Christian Leiggener im Angebot:

UNESCO-Welterbe erleben

14. Juni 2021 | 21. Juni 2021 | 5. August 2021 | 11. Oktober 2021

Das UNESCO-Welterbe Swiss Alps Jungfrau-Aletsch ist eine der schönsten und wertvollsten Gebirgslandschaften der Welt. Erleben Sie diese eindrückliche Landschaft auf unserem Tagesausflug.

Ihr Gastgeber: Hans-Christian Leiggener

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Impressionen von Dr. Hans-Christian Leiggener

Quellen: Raphael Schmid, World Nature Forum, ZVG