«Reisebusunternehmen werden deutlich Zulauf erhalten»

Welche Chancen bietet die aktuelle Klimadebatte einem Busunternehmen wie edelline? Was können wir weiter tun, um dem Thema Nachhaltigkeit gerecht zu werden? Wie profitieren wir, wenn der Flugverkehr verteuert wird? Dr. Patrick Hofstetter, Fachgruppenleiter Klima und Energie WWF Schweiz, liefert die Antworten.

Reisen im gut besetzten Bus sind die Gewinner der Klimadebatte – wie signifikant verbessert der Umstieg vom Flugzeug auf den Bus die Ökobilanz pro Person hinsichtlich Treibhausgase und Benzinverbrauch?
Patrick Hofstetter: Für die gleiche Distanz gehören durchschnittlich besetzte Flugzeuge und Autos zu den ineffizientesten Verkehrsmittel bezüglich Energieverbrauch und Ausstoss von Treibhausgasen. Reisecars und Bahn haben da deutliche Vorteile. Bei guter Auslastung kann der Energieverbrauch um mehr als Faktor 5 und die Treibhausgasemissionen um Faktor 10 und mehr reduziert werden.

Unter den gezeigten Umständen (Bus ist besser als Flug): Was halten Sie vom Slogan «Eine Reise mit dem Bus ist aktiver Klimaschutz»?
Dies würde nur dann stimmen, wenn eine Person sonst ohnehin geflogen wäre und es keine klimafreundlichere Bahnverbindung an den gleichen Zielort gäbe. Ferien auf Balkonien sind, zumindest was die Reise angeht, immer klimaverträglicher als lange Reisen.

Welche Chancen bietet die aktuelle Klimadebatte einem Busreiseunternehmen wie edelline?
80 Prozent der Flüge ab der Schweiz betreffen Kurzstrecken, die auch mit dem Bus oder der Bahn angeboten werden können. Das Wachstum der abfliegenden Lokalpassagiere konnte seit Frühling 2019 gestoppt werden. Die geplante Einführung einer Flugticketabgabe ab 2021 dürfte gerade auf diesen Kurzstrecken dazu führen, dass entweder weniger gereist oder auf Bahn und Bus umgestiegen wird. Reisebusunternehmen werden somit deutlich Zulauf erhalten, vor allem dort, wo Zugreisen umständlich, ausgebucht oder teuer sind.

Was kann edelline weiter tun, um dem Thema Nachhaltigkeit gerecht zu werden – eine CO2-Kompensation fix in den Preis zu integrieren etwa?
Die europäischen Bahnen stellen auch dank der Klimadebatte auf erneuerbaren Strom um und werden so ihre CO2-Bilanz weiter verbessern. edelline könnte deshalb in einem ersten Schritt ihre aktuellen Emissionen kompensieren und dem Kunden verrechnen. Beim Kauf neuer Cars sollten jedoch Antriebe getestet werden, die ohne Diesel auskommen. Die sicherheitsbedingten Stopps bei Fernreisen könnten dann genutzt werden, um Batterien wieder zu laden.

Wie erfolgreich ist die CO2-Kompensation via MyClimate?
MyClimate ist einer der erfolgreichen Anbieter im Geschäft der CO2-Kompensation. Und trotzdem werden gerade bei den Flügen nur sehr selten die Kompensationen gemacht. Es fliesst also wenig Geld in Richtung Klimaschutz-Projekte, welche andernorts CO2-Reduktionen ermöglichen. Es ist demnach weiterhin ein Nischenprodukt, auch wenn dieses Jahr die Popularität deutlich gestiegen ist. Einzelne Firmen sind hier jedoch vorbildlich und übernehmen ihre Verantwortung.

Jährlich steigen 50 Millionen Inder und Chinesen in die Mittelklasse auf. Wie wappnen wir uns auf deren Reiselust und der damit drohenden Gefahr des Overtourism – müsste man die Flugticketabgabe verteuern?
Die Schweiz ist ein guter Ort, um darüber nachzudenken und Lösungen zu erproben. Denn einige Destinationen in der Schweiz zeigen erste Anzeichen von Touristenüberlastung und gleichzeitig sind wir Schweizerinnen und Schweizer Weltmeister im Verreisen. Wenn wir für unsere reisebedingte Umweltbelastung keine Lösung finden, wird es schwierig, den Indern und Chinesen Ratschläge zu erteilen. Aber klar, die Luftfahrt muss die verursachten Klimafolgenkosten bezahlen und dies kann via Flugticketabgabe geschehen. Dies allein wird das Problem aber weder bei uns noch in Asien lösen.

«Die Verteuerung des Flugverkehrs wird die Konkurrenzfähigkeit der Cars verbessern»

Wie profitieren Carunternehmen, wenn der Flugverkehr verteuert wird?
Insbesondere die Billigflüge haben auf vielen Strecken die Reisecars zurückgedrängt oder die Ausbreitung behindert. Die Verteuerung des Flugverkehrs wird die Konkurrenzfähigkeit der Cars verbessern, selbst wenn gleichzeitig der Dieselpreis steigt.

Inwiefern begrüssen Sie das Vorgehen unserer grossen Retailer Migros und Coop, einen eigenen, rein auf Wasserstoff basierten Lastwagen bauen zu lassen?
Es lohnt sich, verschiedene umweltverträgliche Technologien zu entwickeln und auszutesten und so die Innovation zu beschleunigen. Ob sich später Wasserstoff-Lastwagen gegenüber Elektrolastwagen mit Batterie durchsetzen können, wird sich weisen müssen und dürfte davon abhängen, ob es genügend günstigen und klimaneutralen Wasserstoff geben wird.

Wäre es auch möglich, einen H2-Reisebus herzustellen?
Wasserstoff-Busse gibt es bereits. Da Wasserstoff gegenüber Elektrobatterien sehr viel kompakter und mit weniger Zusatzgewicht gespeichert werden kann, bietet er sich grundsätzlich an für Fahrzeuge, die grosse Reichweiten am Stück zurücklegen müssen. Ob sich Wasserstoff gegenüber Batteriespeichern durchsetzen wird, kann man heute noch nicht beurteilen.

Können Sie der Erderwärmung etwas Positives abgewinnen? Die NASA etwa hat festgestellt, dass die Erde in den letzten 35 Jahren aufgrund des steigenden CO2 grüner geworden ist.
Die durchschnittliche Erwärmung des Klimas könnte zum Beispiel Russland oder Kanada Vorteile in der Landwirtschaft bringen. Andere freuen sich über das Abschmelzen der Arktis, um auch dort die Ressourcen besser nutzen zu können. Zunehmende Wetterextreme und die globale Ungleichverteilung der Klimaveränderungen sind jedoch für unsere Lebensgrundlagen und viele von uns Menschen sehr gefährlich. Obschon es also zumindest temporäre Gewinner des Klimawandels geben dürfte, sind die weltweiten Risiken und Schäden viel grösser. 

Welchen Vergleichsrechner können Sie einem Reisenden empfehlen, wenn er herausfinden will, wie seine CO2-Bilanz bei der nächsten Reise mit dem entsprechenden Transportmittel aussehen wird?
Gängige Rechner sind mobitool.ch oder routerank.org. Diese Rechner überzeugen mich als gewöhnlicher Nutzer jedoch nicht. Deshalb braucht es einfachere Faustregeln:

  • Weniger Reisen ist oft mehr.
  • Zu Fuss oder mit dem Velo, soweit man Lust hat. Auch das E-Bike passt.
  • Zug und Tram vor Bus/Car; Bus/Car vor Auto und Auto vor Flugzeug/Kreuzfahrtschiff ist ökologische Entscheidungsordnung, wobei Auto und Flugzeug/Kreuzfahrtschiff mit Abstand den grössten ökologischen Fussabdruck verursachen.

Interview: Thomas Wälti

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Grafik über die Emmissionen in verschiedener Verkehrsmittel in CO2-Äquivalenten

(Darstellung: VCS / Quelle: mobitool)

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Dr. Patrick Hofstetter, WWF Schweiz

Dr. Patrick Hofstetter, Fachgruppenleiter Klima und Energie WWF Schweiz

Dr. Patrick Hofstetter leitet beim WWF Schweiz die Fachgruppe Klima und Energie. Er arbeitet seit 17 Jahren bei der grössten Umweltschutzorganisation der Schweiz. Hofstetter ist Mitglied der Schweizer Verhandlungsdelegation, die auch das Pariser Klimaabkommen mitverhandelt hat. Mit seinem Hintergrund als Maschineningenieur und Umweltwissenschaftler unterstützt Hofstetter die Politik, Medien, Unternehmen und Mitglieder des WWF bei Fragen rund um Klimaschutz, erneuerbare Energien und Energieeffizienz.

 

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