Perlen des Ostens - Tag 4

Reise nach Kaliningrad –
Oder wo der Doppeladler seinen Horst verliess

Frisch gestärkt setzen wir die Reise von Danzig nach Kaliningrad fort. Am Grenzübergang Braniewo-Mamonowo erinnert die Szenerie an die Zeit vor der Wende: Fast menschenleere Strassen, eine Zollstation, die in der Ära Breschnew nicht anders ausgesehen haben dürfte, ein Arbeitstempo der Bediensteten, das viel schneller nicht geworden ist und eine spartanisch eingerichtete Abfertigungshalle. Nach 80 Minuten hat die Prozedur ein Ende – wir sind drin im Land, das uns später so faszinieren wird.

Moskau ist weit weg: Kilometertafel auf der Reise von Danzig nach Kaliningrad.

Abenteuerliche Fahrt durch Eschen-Allee

Weil Reiseleiter Andrey am falschen Treffpunkt auf uns wartet, sind Jörgs Fahrkünste ein weiteres Mal gefragt. Auf einer Schotterpiste zwischen zwei Hauptstrassen beginnt unser Abenteuer Russland gleich hinter der Grenze. Die Fahrt durch eine sattgrüne Eschen-Allee ist Adrenalin pur. Immer wieder muss der Edelliner herunterhängenden Ästen ausweichen. Jörg und Annagret sind nicht nur in diesem Moment die ruhenden Pole an Bord.

Moskau ist weit weg

Wieder auf einer Hauptstrasse und mit Andrey als 22. Passagier im Bus, setzen wir unsere Reise nach Kaliningrad fort. Wir sehen eine Anzeigetafel und staunen: Noch 1270 Kilometer bis nach Moskau. Ja, Russland ist in der russischen Ostsee-Exklave Kaliningrad, die zwischen Polen und Litauen liegt, weit weg. Das Kaliningrader Gebiet ist die westlichste Region Russlands. Es liegt elf Zeitzonen von der Ratmanow-Insel –östlichster Punkt des flächenmässig grössten Landes der Welt – entfernt. Bis 1991 war Kaliningrad militärisches Sperrgebiet.

Kosename K

Die Historie von Kaliningrad beginnt im 13. Jahrhundert. Die teutonischen Ritter errichteten eine Festung auf einem Hügel – Königsberg. Bis 1946 war die Stadt mehr oder weniger deutsch. Dann aber musste Deutschland im Zweiten Weltkrieg kapitulieren. Die Folge: Königsberg geriet in die Hände der Sowjetunion und war fortan ein Teil des Territoriums der UdSSR. Andrey erzählt uns, dass die Region Kaliningrad mit ihren rund 1 Million Einwohnern reich an Bernstein ist. 90 Prozent der Weltvorräte des versteinerten Harzes sollen sich hier befinden. Ihren neuen Namen Kaliningrad verdankt die Stadt dem früheren Vorsitzenden des Präsidiums des Obersten Sowjets, Michail Iwanowitsch Kalinin. Die Bewohner nennen Kaliningrad aber nur K.

Goldene Kuppeln: Die Christ-Erlöser-Kathedrale zieht die Touristen in ihren Bann.

Ein-Mann-Bunker mit Schiessscharten

Wir besuchen das Denkmal des deutschen Denkers und Philosophen Immanuel Kant. Er ist Kaliningrads berühmtester Sohn. In der Stadt sind mehr als 20 Hochschulen vertreten. Die grösste und bedeutendste ist die Baltische Föderale Immanuel-Kant-Universität. Davor steht ein Ein-Mann-Bunker mit Schiessscharten, der an die umkämpfte Zeit im Zweiten Weltkrieg erinnert. Das darunter liegende Bunker-Museum wird von Touristen ebenfalls rege besucht. In einem Prospekt über die Stadt ist nachzulesen: «Kaliningrad ist ein Befestigungsmuseum im Freien. In der Vergangenheit war es eine der am besten befestigten Städte Europas.»

Berühmtester Sohn der Stadt Kaliningrad: Denkmal des Philosophen Immanuel Kant.

Erinnerungen an Schweiz – Serbien

Im Zentralen Park für Kultur und Erholung steht ein Denkmal des Barons von Münchhausen. Viele Einheimische steigen auf den deutschen Adligen und Lügenbaron und lassen sich gerne fotografieren. Vor dem Kaliningrad Stadium werden Erinnerungen wach an die Fussball-WM 2018: Nach dem Gruppenspiel Schweiz – Serbien (2:1) verliess der Doppeladler seinen Horst und sorgte in der Schweiz für heftige Diskussionen über Doppelbürgschaft.

Das Stadion fasst 35'000 Zuschauer. Die Arena wurde extra für die WM gebaut. Bei der Arbeit an der Hülle liessen sich die Architekten von Bernstein- und Seemotiven inspirieren. Das Stadion wird auch für Eis- und Wassersport sowie andere Sportarten genutzt.

Ursula gewinnt das Kant-Quiz

Wir besichtigen die Grabstätte Immanuel Kants. Im Kirchengebäude zieht das Dom- und Kantmuseum unsere Aufmerksamkeit auf sich. Andrey organisiert spontan ein Kant-Quiz. Es geht darum, den Unterschied zwischen Original-Grabstätte und einem entsprechenden Bild im Museum zu erkennen. And the winner is: Ursula Bühler. Sie erhält von Andrey ein Stück Bernstein. Ob sie das Schmuckstück künftig auch bei sich trägt wie Adolf Ogi seinen Bergkristall?

Das Wahrzeichen der Stadt Kaliningrad: Der Königsberger Dom auf der Kneiphof-Insel.

Autor: Thomas Wälti

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