«Die UNESCO-Themenreise ‹Die Schweiz und die Alpen› trifft den Zeitgeist sehr gut»

Interview mit Kaspar Schürch, Geschäftsleiter der WHES

Warum gehört das Matterhorn nicht zum Schweizer UNESCO-Welterbe? Wann kommt die 13. Schweizer Welterbestätte dazu? Und welches sind die Höhepunkte unserer Themenreise «Die Schweiz und die Alpen»? Kaspar Schürch, Geschäftsleiter World Heritage Experience Switzerland (WHES), liefert verblüffende Antworten.
 

Welche Idee steht hinter dem UNESCO-Welterbe und seit wann wird dieses Label vergeben?
Kaspar Schürch: Das Welterbe geht auf eine revolutionäre Idee zurück: Der Schutz und die Erhaltung ausserordentlicher Kulturleistungen und einzigartiger Naturphänomene sollen in die Obhut der gesamten Menschheit gestellt werden. Diese Idee begann mit der Rettung der Tempel von Abu Simbel konkrete Formen anzunehmen. 1972 führte sie zur Geburtsstunde der UNESCO-Konvention zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt.

Wie wird eine Sehenswürdigkeit Welterbestätte der UNESCO?
Damit eine Stätte in die Liste der Welterbestätten aufgenommen werden kann, muss sie ein weltweit einzigartiges Alleinstellungsmerkmal aufweisen. Also eine kulturelle oder natürliche Bedeutsamkeit, die so herausragend ist, dass sie nationale Grenzen überschreitet und von Bedeutung für gegenwärtige und zukünftige Generationen der gesamten Menschheit ist. Zur Ermittlung dieser Werte gibt es eine Kriterienliste, die vom Welterbe-Komitee erstellt und überprüft wird. Schlussendlich benötigt die Stätte die Zustimmung des Welterbe-Komitees.

Was bringt eine UNESCO-Auszeichnung – Prestige, Geld, Verpflichtung?
Die Auszeichnung per se bringt den Welterbestätten keine finanziellen Mittel. Im touristischen Bereich profitieren die Orte sicherlich von einer höheren Publizität und können von der starken Marke profitieren. Die Auszeichnung bringt aber auch die Verpflichtung mit sich, die einzigartigen Werte für kommende Generationen zu erhalten. Dieses Spannungsfeld von Nützen und Schützen führt denn auch häufig zu Konflikten. Sollte der universelle Wert einer Stätte nicht mehr erhalten bleiben, droht auch die Aberkennung des Labels, wie es beispielsweise im Dresdner Elbtal schon geschehen ist.

In der Schweiz gibt es drei Naturerbestätten und neun Kulturerbestätten. Müsste das Matterhorn nicht auch dazugehören?
Das Welterbe-Label ist kein touristisches Qualitätsgütesiegel, das bekannte Ikonen eines Landes auszeichnet. Wie bereits erwähnt, schützen Welterbestätten vielmehr für die Menschheit einzigartige Kultur- und Naturleistungen auch für kommende Generationen. Kriterien wie Bekanntheit oder natürliche Schönheit allein reichen daher nicht aus, um das Label zu erhalten.

Wann kommt die 13. Schweizer Welterbestätte dazu?
Die Schweizer Eidgenossenschaft, die die Interessen der Schweiz gegenüber der UNESCO vertritt, hat momentan keine aktiven Kandidaturen für das Welterbe geplant. Es gibt einige grenzüberschreitende Kandidaturen, wie beispielsweise die Erweiterung der bereits eingeschriebenen Europäischen Buchenwälder, wo die Schweiz sich gemeinsam mit anderen Ländern an einer Kandidatur beteiligt und allenfalls einzelne Gebiete im Rahmen der seriellen Einschreibung erfassen würde.

Nebst dem Label UNESCO-Welterbe gibt es zudem noch andere Kategorien, wie das Immaterielle Erbe, zu welchem in der Schweiz beispielsweise die Osterprozessionen in Mendrisio oder die Basler Fasnacht eingeschrieben sind. Oder auch die UNESCO-Biosphären wie das Entlebuch oder Val Müstair. Hier handelt es sich jedoch um andere Kriterien und Labels als beim Welterbe.

Sie sind Geschäftsleiter des Vereins World Heritage Experience Switzerland (WHES). Warum gibt es diesen Verein?
Wir wurden von den Welterbestätten in der Schweiz als Dachverband gegründet. Nebst der touristischen Inwertsetzung auf nationaler und internationaler Ebene stellen wir das Netzwerk unter den einzelnen Welterbestätten sicher und vertreten deren Interessen gegen aussen.

Was sind Ihre wichtigsten Aufgaben auf der Geschäftsstelle?
Viele Schweizer kennen das Taj Mahal, Stonehenge oder den Grand Canyon – alles UNESCO-Welterbestätten –, nicht aber die Natur- und Kulturschätze vor der Haustür im eigenen Land. Daher liegt ein grosser Fokus unserer Arbeit auf der Steigerung der Bekanntheit der Welterbestätten in der breiten Bevölkerung. Denn nur was man kennt, will man auch schützen.

«Die Schweiz und die Alpen» heisst unsere Themenreise im Oktober 2020. Wir möchten unseren Gästen vermitteln, wie Berge entstehen, was sich darin verbirgt, wie die Menschen sie nutzten und wie sie überquert wurden. Als erstes Etappenziel steuern wir die Schweizer Tektonikarena Sardona an. Worauf dürfen sich unsere Gäste freuen?
Hier kann man die Berge wachsen sehen. Wirklich! Denn durch die tektonischen Aktivitäten erheben sich die Berge im Schnitt immer noch um einige wenige Zentimeter im Jahr. Durch Erosion wird dies jedoch meistens auch gleich wieder abgetragen. Auf einer geführten Tour mit einem GeoGuide kann man aber einen Blick auf die Linie der Glarner Hauptüberschiebung erhaschen, wo man sieht, wie sich das afrikanische Gestein über das europäische schiebt.

Am zweiten Tag fahren wir mit der Rhätischen Bahn von Albula nach Bergün. Was macht diese Fahrt beziehungsweise diesen Tag so besonders?
Die Albula- und Bernina-Linie stehen für die technische Meisterleistung der Alpenüberquerung per Eisenbahn. Die Albula-Linie von Thusis nach St. Moritz wurde in nur fünf Jahren erbaut. Um die über 1000 Höhenmeter mit der Bahn zu bezwingen, waren unzählige Tunnels und Brücken nötig – darunter auch das weltbekannte Landwasser-Viadukt.

Die Drei Burgen von Bellinzona besuchen wir am dritten Tag unserer Reise. Was haben sie für eine Bedeutung?
Die Drei Burgen von Bellinzona und die dazwischen liegende Murata bilden eine wichtige Talsperre in den Alpen. Wer im Mittelalter von Italien in die Schweiz wollte oder umgekehrt musste hier vorbei. So erstaunt es auch nicht, dass Bellinzona als strategisch bedeutender Ort stets hart umkämpft war und mehrmals den Besitzer wechselte. Heute geht es zum Glück friedlicher zu und her. Alle Burgen beherbergen unterschiedliche Ausstellungen und geben zeitgleich einen Einblick in das Leben von damals.

Das Fossilienmuseum des Monte San Giorgio prägt den vierten Tag. Ein Hauch von «Jurassic Park» im Tessin?
Die Schätze des Monte San Giorgios sind nicht auf den ersten Blick erkennbar. Auch wenn die Landschaft am Lago di Lugano bereits für sich einmalig ist. Unter den Gesteinsschichten des Berges verbergen sich aber 200-300 Millionen alte Fossilien – das kleinste bisher gefundene misst nur drei Millimeter. Diese Zeitzeugen erzählen heute die Geschichte von der subtropischen Lagune, die hier früher war. Durch die Bildung der Berge wurden die in den Sedimenten des Meeres konservierten Skelette der Tiere nach oben gebracht.

Die Besichtigung der Kraftwerke Grimselwelt ist ein weiterer Höhepunkt unserer Themenreise. Was lernen unsere Gäste auf diesem Rundgang?
Die Grimselwelt liegt im Gebiet der Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch, eine der spektakulärsten Hochgebirgslandschaften der Welt. Sie stehen in Symbiose mit der umgebenden Kulturlandschaft und erstrecken sich über alle Vegetationsstufen von mediterran anmutender Steppe bis ins karge Hochgebirge. In der Grimselwelt kann man in die Tiefe der Berge eintauchen und lernt dabei, wie aus der unbändigen Kraft des Wassers Strom wird und dieser den langen Weg in unsere Haushalte findet.

Der bereits vor der Corona-Pandemie bestehende Trend zu mehr Naturnähe dürfte sich verstärken. Zudem wird die Schweizer Bevölkerung die Ferien in diesem Jahr mehrheitlich im Inland verbringen. Trifft unsere Themenreise zum Schweizer UNESCO-Welterbe den Zeitgeist?
Die Welterbestätten stehen für die Vielfalt und die Identität unseres Landes. Sie sind Zeugen der Erd- und Menschheitsgeschichte. Welterbestätten sind Orte des Betrachtens, des Entdeckens, des Staunens, des Erlebens, des Lernens und des Austausches. Die hohe Bedeutung dieser Orte, ihre Faszination und Ausstrahlungskraft ziehen die Besucherinnen und Besucher in ihren Bann. Sie entführen von Alltagspfaden auf Zeitreisen. Daher eignen sie sich gerade jetzt hervorragend, um mehr über die Geschichte der Schweiz und unsere kulturellen Werte zu erfahren.

Erwartet der Kunde inskünftig mehr Kreativität und mehr Inhalt bei der Gestaltung der Freizeitangebote oder sucht er eher bekannte Standardangebote wie Ferien ans Meer?
Gerade Orte abseits der grossen Touristenströme werden künftig noch wichtiger und gefragter. Die Welterbestätten der Schweiz bieten hier ein riesiges Angebot für alle Interessierten. Durch den universellen Wert stehen sie für etwas weltweit Einzigartiges, Authentisches und vermitteln auf spannende Art und Weise Wissenswertes.

edelline bedeutet flexible Reiseerlebnisse mit Insidern. Wir wollen Begegnungen schaffen und einen Blick hinter die Kulissen von Kulturen ermöglichen. Denken Sie, wir können mit solchen Angeboten die Leute erreichen?
Ich bin überzeugt, dass edelline mit der UNESCO-Themenreise «Die Schweiz und die Alpen» den Zeitgeist sehr gut trifft.

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Zur Person: Kaspar Schürch

WHES macht das Welterbe sichtbar

2009 wurde UNESCO Destination Schweiz mit Sitz in Bern gegründet. Seit 2014 heisst der Verein World Heritage Experience Switzerland (WHES). Der Verein beschäftigt drei Personen mit insgesamt 220 Stellenprozenten.

WHES bildet das Dach über dem touristischen Netzwerk der UNESCO-Welterbestätten in der Schweiz. In Zusammenarbeit mit den touristischen Organisationen fördert und koordiniert WHES qualitativ hochwertige und einzigartige Erlebnisse. Diese tragen zur Erhaltung der universellen Werte und zur touristischen Wertschöpfung in den Welterbestätten bei.

Die einzigartigen Erlebnisse bauen auf den Kernwerten der einzelnen UNESCO-Natur- und Kulturerbestätten auf. In den Bereichen Werte und Wissen arbeitet WHES mit der Schweizerischen UNESCO-Kommission zusammen.

Ein grosser Bereich der täglichen Arbeiten wird im Bereich des laufenden NRP-Projektes «Ausbau und Entwicklung der Kompetenzstelle Welterbe-Tourismus» ausgeführt. Die darin definierten Schwerpunkte von WHES lassen sich folgendermassen gliedern:

  • Networking
  • Wissensmanagement
  • Produkt- und Angebotsentwicklung
  • Qualitätssicherung
  • Sichtbarmachung

Finanziert wird der Verein durch Mitglieder- und Marketingbeiträge sowie durch Beiträge von Bund und Kantonen im Rahmen eines befristeten NRP-Projektes (Neue Regionalpolitik). Seit fünf Jahren leitet Kaspar Schürch die Geschäftsstelle WHES. Der 37 Jahre alte Betriebsökonom ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er wohnt in Thun.


Kaspar Schürch, Geschäftsleiter World Heritage Experience Switzerland (WHES)

Interview: Thomas Wälti

 


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