«Ich möchte vielen Kids einen kostenlosen Nachmittag im Schnee ermöglichen»

Interview mit Bernhard Russi | Skiweltmeister, Olympiasieger & Initiator snow4free

Das Herzensprojekt von Bernhard Russi heisst «snow4free». Der Abfahrts-Olympiasieger sagt, weshalb er Kinder aus sozial schwächeren Familien auf die Skipiste bringen will. Der 72 Jahre alte Andermatter spricht auch über seinen ersten Skitag und den emotionalsten Moment in seinem Leben. Schliesslich verrät der zweimalige Abfahrts-Weltmeister, ob er bei edelline als Schneeschuh-Wanderleiter einsteigen wird.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Skitag?
Bernhard Russi: Nein. Aber ich weiss, dass ich meine ersten Skier bekommen habe, als ich ein Jahr und vier Monate alt war. In meinem Heimatdorf Andermatt beginnen alle Kinder im gleichen Alter mit dem Skifahren – wenn sie laufen können. Freilich, bei den ersten Skiversuchen handelt es sich mehr um ein «Ski-Laufen», dann aber beginnen die Kinder zu gleiten und bald darauf können sie im Stemmbogen vorsichtig einen Hang runterfahren.

Wie war Skifahren in Ihrer Jugendzeit?
Damals gab es im Dorf Andermatt keinen Skilift. Die Kinder konnten sich in den 1960er-Jahren an einem einzigen Hang austoben – an der Tristel bei der heutigen Gemsstock-Talstation. Wir stapften hoch und sausten runter; tagein, tagaus. Die besseren Skifahrer wagten sich höher hinauf. Während meiner Schulzeit waren wir in Clans aktiv. Jede Gruppe baute am Hang ihre eigene Schanze. Unsere ersten Erfahrungen auf einer Piste machten wir also eher als Skispringer denn als Abfahrer (lacht). Natürlich gab es schon damals Bergbahnen, die auf den Nätschen und Gütsch führten. Diese Skigebiete waren vor 60 Jahren aber nicht für Kinder, sondern für Erwachsene angelegt. Aber wissen Sie was?

Nein. Sagen Sie es uns.
Der Idiotenhügel Tristel genügte talentierten Kindern bald nicht mehr. Organisierte Schülerrennen ab sieben Jahren weckten ihren Renngeist. Und so kam es, dass wir fortan auf den Pisten des Nätschen und Gütsch unterwegs waren.

Fehlt Ihnen etwas von damals, wenn Sie heute Skifahren?
Nein, überhaupt nicht. Ich rede jetzt bewusst im Präsens: Ich habe eine wunderschöne Zeit. Jede Epoche hat ein Anfang und ein Ende. Wenn ich heute zurückblicke, muss ich sagen: Ich würde alles wieder genau gleichmachen. Was die Zukunft bringt, weiss man erst im Nachhinein. Wenn Sie mich heute nach dem emotionalsten Moment in meinem Leben fragen, denken Sie vielleicht an den Sieg in der Olympia-Abfahrt von Sapporo 1972. Nein! Es war die Geburt meiner Kinder.

Fährt man heute anders Ski als früher?
Ja, heutzutage ist genussvolles Skifahren angesagt. Modernste Transportanlagen mit hoher Förderleistung führen den Gast rasch nach oben, sodass er am Ende des Tages mehr Pistenkilometer zurücklegt als früher. Im Vergleich zu den 1960er-Jahren ist Skifahren einfacher geworden. Auf perfekt präparierten Pisten kann noch bald einer relativ zügig den Hang hinunterfahren. Früher brauchte es auf den buckligen Pisten mehr Technik.

2005 haben Sie die Aktion «snow4free» initiiert. Weshalb engagieren Sie sich für dieses Bewegungsförderungsprojekt?
«snow4free» ist mein Herzensprojekt. Ich möchte möglichst vielen Kids einen kostenlosen Nachmittag im Schnee ermöglichen. Es ist mir wichtig, dass sie sich in der Natur bewegen und den Schneesport nicht nur aus dem TV kennen, sondern seine Faszination selbst erleben. Als Bub habe ich mich im Winter immer gefragt, was meine Cousinen und Cousins im Unterland an einem Mittwochnachmittag wohl so machen. Sie konnten ja nicht wie ich vor der Haustür Skifahren. Ich begann zu überlegen: Die Ferienregion Andermatt profitiert im Sommer vom Postautoverkehr, der über die Alpenpässe Gotthard, Furka und Oberalp führt. Ich fragte mich: Was machen diese Busse im Winter – stehen sie irgendwo in einer Garage herum?

Haben Sie eine Antwort gefunden?
Ja, aber es war mehr ein Anliegen. Ich wünschte mir, dass diese Postautos im Winter weiss angestrichen werden und durch die Zentralschweiz fahren. Überall, wo ein Kind am Strassenrand wartet, soll der Bus anhalten und es mit nach Andermatt nehmen und am Abend wieder zurückbringen. Nicht alle Familien können sich Skifahren oder Snowboarden leisten. Viele arbeitende Eltern haben auch keine Zeit, ihre Kinder in die Skigebiete zu begleiten. Dabei wäre es an einem Mittwochnachmittag doch wunderbar. In Andermatt etwa herrscht zu diesem Zeitpunkt kein Gedränge an den Skianlagen, die Pisten haben genug Kapazität.

War das der Grundgedanke von «snow4free»?
Jawohl. Im Jahr 2005 habe ich dieses Projekt zusammen mit der Cleven-Stiftung initiiert. Wir wollen Kindern an vier Mittwochnachmittagen im Januar kostenlosen Wintersport ermöglichen.

Werden Sie die Kinder im Alter zwischen 9 und 13 Jahren auf der Piste treffen?
Ja. Ich besuche am 13. Januar 2021 den Anlass im Skigebiet Pizol. Selbstverständlich werde ich auch in Andermatt einen Termin wahrnehmen.

Was möchten Sie den Kindern an diesen Nachmittagen vermitteln?
Ich möchte den Kindern die Natur und das Element Schnee näherbringen. Sie sollen Freude an der Bewegung haben und am Abend eine natürliche, gesunde Müdigkeit verspüren.

Es geht also nicht darum, künftige Weltcupfahrer zu rekrutieren?
Nein. Es geht darum, Kindern, die noch nie im Schnee gestanden sind, das Gefühl zu vermitteln, dass Skifahren relativ leicht zu erlernen ist.

edelline setzt sich als Reiseunternehmen für «snow4free» ein und transportiert Kinder in die Skigebiete. Wir sind aber nicht nur sozial engagiert im Bereich der Förderung von Jugendlichen, sondern bieten auch bewegungsintensive Erlebnisse in der Natur an. Denken Sie, dass sich der bereits vor der Corona-Pandemie bestehende Trend zu mehr Naturnähe verstärken wird?
Der Trend, in die Natur zu gehen, wird sich deutlich verstärken. Der Bergtourismus dürfte sowohl im Sommer als auch im Winter einen starken Zuwachs registrieren. edelline ist beim Thema «snow4free» einer der wichtigsten Player. edelline ist aber auch ein Reiseunternehmen, das Sport, Jung und Alt zusammenbringt. Das ist bereichernd.

Entschleunigung funktioniert also am besten in der Natur?
Ja, auf jeden Fall. Auf Berg- und Wanderwegen geht es automatisch ruhiger zu und her. Der Stress nimmt ab. Im kommenden Winter wird eine grössere Anzahl Skitourenfahrer und Langläufer unterwegs sein als im vergangenen Jahr, sodass wir an die Grenzen der Kapazitäten stossen.

Wir beschäftigen uns intensiv mit der Post-Corona-Zeit und sind überzeugt, dass ältere Menschen – die Silver Society – wichtiger werden und auch das Thema Gesundheit weiter an Einfluss gewinnt. In diesem Bereich wollen wir Angebote entwickeln, etwa E-Bike-Touren und Schneesport-Erlebnisse. Wären Sie bereit, als Gastgeber mit unseren Gästen eine Schneeschuhtour zu unternehmen?
Ich möchte nur dann eine Schneeschuhtour unternehmen, wenn ich die Strecke selber kenne. Ich habe keine Lust, mich auf ein Abenteuer einzulassen. Und da ich bislang keinen einzigen Kilometer auf Schneeschuhen gelaufen bin, wäre ich von der Kompetenz her wohl nicht der richtige Mann für Euch (lacht).

Sie sind mit einer Schwedin verheiratet, Schweden ist Ihre zweite Heimat. Wir haben 2021 zwei wunderbare Reisen in den hohen Norden geplant. Einmal im Winter zum Thema Langlauf, einmal im Sommer als Trekkingreise in der Natur. Was dürfen wir von Schweden erwarten?
Schweden ist bekannt für seine unberührte Natur. Es gibt kein anderes Volk, das so viel Picknicks veranstaltet wie die Schweden. Auch im Winter, wenn es richtig kalt ist. Das habe ich Anfang März 2020 am Wasalauf erlebt. Entlang der 90 Kilometer langen Strecke picknickten unzählige Familien.

 

 

Über snow4free

Kostenloses Skivergnügen für Kinder

Bernhard Russi und die Cleven-Stiftung machen es möglich: Für Kinder im Alter zwischen 9 und 13 Jahren heisst das Motto im Januar 2021: «Ab auf die Skipiste!» Das vor 15 Jahren initiierte Bewegungsförderungsprojekt «snow4free» bringt Kids an vier Mittwochnachmittagen kostenlos in die Berge. Und zwar am:

  • Mittwoch, 6. Januar 2021
  • Mittwoch, 13. Januar 2021
  • Mittwoch, 20. Januar 2021
  • Mittwoch, 27. Januar 2021

Am 20. und 27. Januar 2021 fährt edelline die Kinder ab Freiburg/Bulle nach Moléson-sur-Gruyères. Alle Informationen dazu finden Sie hier.

Mittlerweile durften bereits über 30'000 Kinder unbeschwerte Mittwochnachmittage im Schnee geniessen – und dies alles gratis. Winterausrüstung, Skipass und Zwischenverpflegung stehen bereit und der Transport von der Stadt ins Skigebiet und zurück ist ebenfalls organisiert. Erfahrene Begleitpersonen und Schneesportlehrer betreuen die Kinder von A bis Z.

Folgende Skigebiete machen mit:

  • Bern: Grimmialp-Diemtigtal
  • Luzern: Andermatt
  • Zürich: Sattel-Hochstuckli
  • Winterthur: Wildhaus
  • St. Gallen: Pizol
  • Freiburg/Bulle: Moléson
  • Lausanne: Villars-sur-Ollon

Als neueste Errungenschaft gibt es zudem «snow4free» individuell: Verschiedene Skigebiete offerieren Kindern zwischen 9 und 13 Jahren kostenlose Halbtageskarten für die vier «snow4free»-Daten. Die erwachsene Begleitperson erhält 50% Rabatt.

Anmeldungen für «snow4free» 2021 sind ab dem 28. Oktober 2020 möglich.

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Autor: Thomas Wälti

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