Im Epizentrum des guten Geschmacks

Wenn der Edelliner im April 2020 durch die Provence fährt, gehört der Halt in Grasse zu den Höhepunkten der Reise. Eine Führung durch die Parfümfabrik Fragonard ist dufte und bereichert den eigenen Horizont. Im Reich der «Nasen» gibt es sogar eine Duftorgel.

Grasse ist krass. «Welthauptstadt der Düfte» lautet der Spitzname der Parfüm-Stadt in der Provence. Mehr als 60 Unternehmen beschäftigen über 3000 Mitarbeitende in diesem Wirtschaftszweig. Wer im Hinterland der Côte d’Azur herumreist, muss hier unbedingt einen Halt einlegen. Ich sage mir: Ein Besuch der «Fabrique des Fleurs» Fragonard erweitert den Horizont.

Auf dem Parkplatz der Parfümfabrik wuseln Touristen aus Vietnam herum. Als sie die Skulptur mit den geschwungenen Destillationsapparaturen entdecken, zücken sie ihr Smartphone. Die Asiaten drängeln zum Eingang, die private Führung beginnt in wenigen Minuten.

Im Warteraum der Parfümfabrik Fragonard hängt eine Weltkarte mit dem Titel: «La Route des Parfums». Aus der ganzen Welt werden Pflanzen, Blumen und Gewürze nach Grasse gebracht. So zum Beispiel Muskatnuss aus Indonesien, Zimt aus China, Eukalyptus aus Australien, Koriander und Lavendel aus Russland, Vanille aus Madagaskar und La Réunion, Zitronen und Mandarinen aus Italien, Magnolien aus den USA. Aus Grasse stammen ebenfalls zahlreiche Ingredienzen des Fragonard-Parfüms: Etwa Jasmin, Orangenblüten, Tuberose und die Provence-Rose.

Weltkarte der Düfte in der Parfümfabrik Fragonard

«La Route des Parfums»: Aus der ganzen Welt werden Pflanzen, Blumen und Gewürze nach Grasse gebracht.

Die aussergewöhnliche Lage und das Klima in der Region rund um Grasse bieten perfekte Verhältnisse für den Anbau vieler Blumen- und Aromapflanzenarten. Allmählich wird klar: Bei der komplexen Herstellung von Parfüm geht es auch darum, die Pflanzen und Blumen mittels Wasserdampf zu destillieren, um Konzentrate, ätherische Öle und andere Duftstoffe herzustellen.

Jessie führt charmant durch den Betrieb

Mit einem herzlichen «Bonjour!» unterbricht Führerin Jessie meinen Denkprozess. Sie öffnet die Tür zu den Räumlichkeiten. Hereinspaziert ins Epizentrum des guten Geschmacks. Erstmal ein paar Fakten: Im Mittelalter lebten die Menschen in Grasse hauptsächlich vom Gerberhandwerk. Das änderte sich, als im 17. Jahrhundert die Mode aufkam, Handschuhe zu parfümieren. Fortan spezialisierten sich die Parfümeure aus Grasse auf die Destillation von Duftstoffen. Diese Kunst hat bis heute nichts an Aktualität eingebüsst – im Gegenteil: Die Grassois werden weltweit dafür bewundert, wie sie mittels Extraktion von Blütensaft geschmackvolle Parfüms kreieren.

Die Parfümfabrik Fragonard wurde 1926 von der Familie Costa gegründet. Der Name geht auf den französischen Maler Jean-Honoré Fragonard (1732–1806) zurück – bis dato der bekannteste Sohn der Stadt. Heute führen die drei Schwestern Anne, Agnès und Françoise Costa das Unternehmen, das nebst Parfüm auch Seifen und Körperpflegeprodukte herstellt. Fragonard produziert nur Eigenmarken. Zur Firma gehören drei Fabriken, sechs Museen und rund 20 Boutiquen.

Im Labor wird getüftelt

Herzstück der «Fabrique des Fleurs» ist das Labor. Überall stehen kleinere und grössere Flaschen und Reagenzgläser herum, die mit Essenzen gefüllt sind. Ich stehe vor einem verlassenen Arbeitsplatz und reibe mir verwundert die Augen: Eine Duftorgel ist das also. Vorne am Tisch trocknen vermutlich mit Parfüm getränkte Teststreifen. Ich stelle mir vor, dass der Tüftler darauf seine Formeln riecht.

Im Labor beginnt gewissermassen der Produktionsprozess eines Parfüms. Die aus der ganzen Welt angelieferten Rohstoffe werden zu einem Konzentrat gemischt, das anschliessend in der historischen Fabrik im Zentrum von Grasse im Mazerationsbehälter weiterverarbeitet und zu guter Letzt in Flakons gefüllt wird.

Duftorgel in der Parfümfabrik Fragonard in Grasse

Duftorgel: Es braucht eine feine Nase, um all die Essenzen auseinanderhalten zu können.

Wie kompliziert die Erzeugung dieser Produkte ist, veranschaulicht Jessie. Der Unterschied zwischen Eau de Toilette, Eau de Parfum und Parfüm liege im Konzentrat. So enthalte ein Eau de Toilette 10 Prozent Duftkonzentrat, Alkohol und destilliertes Wasser. Der Duft verfliege nach zwei bis drei Stunden. Das Eau de Parfum halte etwa fünf Stunden, weil das Duftkonzentrat 15 Prozent betrage. Am längsten – bis zu acht Stunden – rieche Parfüm. Es enthalte 25 Prozent Duftkonzentrat und Alkohol – jedoch kein destilliertes Wasser.

Die heutigen Parfüms umfassen eine Menge von verschiedenen Rohstoffen. Ein Parfüm kann zwischen 20 und 300 Komponenten enthalten. Früher beschränkte man sich auf natürliche Elemente, die von Pflanzen oder Tieren stammten, heute werden Düfte auch synthetisch, also mit naturidentischen Aromastoffen, hergestellt. Fragonard wirbt im Prospekt für frische, fruchtige, blumige und orientalische Parfüms.

Labor der Parfümfabrik Fragonard in Grasse

Herzstück der «Fabrique des Fleurs»: Jessie führt durch das Labor.

Die Nase hinter dem Parfüm

Höchste Zeit, die Parfümeure oder die «Nasen», wie sie auch genannt werden, ins Spiel zu bringen. Gilt im Tierreich der Aal als Supernase, haben in der Welt der Düfte laut Jean-Pierre Royet vom Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung etwa 500 Meisterparfümeure die Nase vorn, 120 von ihnen kommen aus Frankreich und der Schweiz.

«Die ‹Nasen› können mit ihrem hochsensiblen Geruchsorgan bis zu 3000 verschiedene Essenzen unterscheiden», sagt Jessie. Dieses phänomenale Duftgedächtnis müssen die «Nasen» regelmässig trainieren. «Fragonard beauftragt eine ‹Nase› zum Beispiel, ein modernes und elegantes Parfüm für junge Frauen zu kreieren.»

Die Fachausbildung zur «Nase» dauert zehn Jahre – drei Jahre Studium und sieben Jahre Praktikum. Der Aufwand lohnt sich. «Eine ‹Nase› kann pro Monat bis zu 25'000 Euro verdienen», sagt Jessie. Dieses Salär ist ganz schön dufte.

Shop der Parfümfabrik Fragonard in Grasse

Dufte: Der Fabrikladen bietet eine reichhaltige Auswahl an Parfüms, Seifen und Körperpflegeprodukten.

Autor: Thomas Wälti

 

Haben Sie Lust auf mehr? Reisen Sie mit edelline vom 27. - 30. April 2020 in die Provence und entdecken auch Sie die Parfümfabrik Fragonard - definitiv ein Erlebnis für alle Sinne. Weitere Informationen zu der Busreise finden Sie hier.

«La Route des Parfums»

Aus der ganzen Welt werden Pflanzen, Blumen und Gewürze nach Grasse gebracht.

Ein echter Hingucker

Skulptur mit geschwungenen Destillationsapparaturen.

Duftorgel

Es braucht eine feine Nase, um all die Essenzen auseinanderhalten zu können.

Herzstück

Jessie führt durch das Labor der «Fabrique des Fleurs».

Die Qual der Wahl

Welches Parfüm darf es sein? Die Auswahl an verschiedenen Düften in unterschiedlichen Grössen ist riesig.

Dufte

Der Fabrikladen bietet eine reichhaltige Auswahl an Parfüms, Seifen und Körperpflegeprodukten.

 

Bilder: Thomas Wälti

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