Von hier an anders!

Edelfeder mit Regula Rytz

Mit Krisen ist nicht zu spassen. Das hat uns die Coronavirus-Pandemie gezeigt. Die Schweiz ist gut gerüstet, um aus Erfahrungen zu lernen und neue Wege zu gehen. 

Eine zentrale Tugend der Schweiz ist der Pioniergeist. Die Schweiz war 1877 das erste Land der Welt, das den Schutz der Arbeiterinnen und Arbeiter in einem Fabrikgesetz regelte. Die Schweiz war 1876 das erste Land der Welt, das den Wald als lebenswichtige Naturressource schützte. Der längste Bahntunnel der Welt, die Einführung des Katalysators – wo ein Problem war, wurde es nach dem Prinzip «L’État, c’est nous» gemeinschaftlich gelöst. 

Genau diesen Pioniergeist braucht die Welt heute. Sonst rauben die Klimakrise, die Krise der Biodiversität, die Abfall- und Altlastenkrise unseren Kindern die Zukunft. Inspiriert durch den Film «Tomorrow» brechen das Berner Reiseunternehmen edelline und ich als Gastgeberin zu zwei Entdeckungsreisen auf. Im Juni und September dieses Jahres machen wir uns auf die Suche nach den Alternativen. Die Schweiz ist voller Lösungen – packen wir an!

Ausgleich, Offenheit, Pioniergeist – drei grosse Tugenden der Schweiz

In der Politik wird heute gerne die Angst vor der Zukunft heraufbeschworen. Dabei hat unser kleines Land vor über 170 Jahren eine politische Kultur entwickelt, die auch im Zeitalter von Digitalisierung und Globalisierung für gesunde Bodenhaftung sorgt.

Bekanntlich hat 1847 alles mit einem Bürgerkrieg begonnen. Die liberal-radikalen Kantone siegten gegen den katholisch-konservativen Sonderbund und rangen um die erste Verfassung der modernen Schweiz. Aus heutiger Sicht gäbe es viel zu bemängeln. Die Diskriminierung der Juden zum Beispiel oder die Ausklammerung der Frauen aus der Politik. Doch der föderalistische Bundesstaat erwies sich als erstaunlich stabiles und flexibles Staatsgebilde, das den Pioniergeist pflegte. Die Schweiz war 1877 das erste Land der Welt, das den Schutz der Arbeiterinnen und Arbeiter in einem Fabrikgesetz regelte. Die Schweiz war 1876 das erste Land der Welt, das den Wald als lebenswichtige Naturressource schützte. Und die Schweiz ist das erste und bisher einzige Land der Welt, das mit dem fakultativen Referendum und der Volksinitiative politische Trumpfkarten dauerhaft an die Bevölkerung verteilt. 

In einer global vernetzten Welt stossen nationalstaatliche Regelungen allerdings an ihre Grenzen. Das löst bei einem Teil der Bevölkerung Abschottungswünsche aus. Dabei würden drei alte Tugenden helfen, in der Schweiz wieder optimistisch in die Zukunft zu schauen.

Ausgleich

Die erste Tugend ist der Ausgleich. Es ist sozusagen das bestimmende Element unserer Staats- und Gesellschaftsordnung. Zuerst war es der Ausgleich zwischen den katholischen und reformierten Kantonen. Immer mehr kam auch der soziale Ausgleich dazu. Die soziale Sicherheit im Alter, bei Mutterschaft oder Arbeitslosigkeit wurde nach langen politischen Auseinandersetzungen mehrheitsfähig. Die moderne Demokratie gründet eben nicht nur auf dem Prinzip der Freiheit (für die Starken), sondern ebenso auf dem Prinzip der Gleichheit und der Solidarität. Dazu müssen wir Sorge tragen.

Offenheit

Die zweite Tugend ist die Offenheit. 1848 gewährte die Schweiz politisch Verfolgten aus ganz Europa Asyl und weigerte sich, sie an benachbarte Monarchien auszuliefern. Wirtschaftlich war die junge Demokratie eng mit den Nachbarländern und ihren Kolonien vernetzt. Unternehmer, Studierende und Arbeitskräfte überquerten in beide Richtungen die Grenze. Als rohstoffarmes Binnenland mitten in Europa ist die Schweiz auch heute auf diesen Austausch angewiesen. Es ist deshalb in unserem Interesse, die Spielregeln des internationalen Handelns fair und demokratisch zu gestalten. 

Pioniergeist

Die dritte grosse Tugend der Schweiz ist der Pioniergeist. Der längste Bahntunnel der Welt, das Verbot von Kinderarbeit, die Einführung des Katalysators – wo ein Problem war, wurde es nach dem Prinzip «L’État, c’est nous» gemeinschaftlich gelöst. Genau diesen Pioniergeist braucht die Welt heute. Pioniergeist gegen den Klimawandel, die immer brutaleren Kriege oder die Knappheit an Rohstoffen. Die Schweiz ging 1848 voran, und wir haben es bis heute nicht bereut.

Das grosse Vorbild des föderalistischen Bundesstaates waren übrigens die USA. Dort wurden vier Jahre lang in rasendem Tempo die Institutionen und Werte zertrümmert, die unsere Vorfahren aufgebaut haben. Auch in Europa und in der Schweiz sind ähnliche Kräfte am Werk. Schlagen wir sie mit unserem Mut und unseren Traditionen. Wir sind so frei!

Autorin: Regula Rytz

(Dieser Beitrag ist die aktualisierte Fassung eines Meinungsartikels, der im «St. Galler Tagblatt» erschienen ist)


 

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