Kapstadt, Grand Canyon, London, Diemtigtal

Edelfeder mit Benedikt Weibel

Die Anfrage eines Filmemachers hat mir zu einem meiner intensivsten Reiseerlebnisse verholfen. Ob ich Lust hätte, fragte er, zusammen mit meinem Enkel an der von SRF ausgeschriebenen Produktion «Ferien wie früher» mitzumachen. Xeno (8) war begeistert, seine Eltern hatten ihr Okay gegeben. Wohin? Das war nun die Frage.

Als ich 14-jährig war, verbrachte ich mit meinem Vater und Bruder zum ersten Mal einige Tage im Ferienhaus Obergesteln des SAC Blümlisalp im hinteren Diemtigtal. Ein Jahr später waren wir wieder dort und unternahmen unsere erste richtige Klettertour. Wieder ein Jahr später die ersten Ferien ohne Eltern. Mit einem Kollegen aus der Jugendorganisation des SAC stieg ich im Winter schwer bepackt zur Hütte hoch. Jeden Tag waren wir auf Skitouren unterwegs, am Nachmittag übten wir Kurzschwingen am Hang neben der Hütte. Ein Jahr später, wieder im Winter, kombinierten wir Ski- mit Klettertouren. Es waren die intensivsten Ferienerlebnisse meiner früheren Jugend. Das war der Ort, den ich mit Xeno nach langen Jahren wieder aufsuchen wollte.

Der Filmemacher erhielt den Zuschlag. Erstmals mit Knopfmikrophon und Begleitkamera bestückt wurden Xeno und ich auf der Einkaufstour. Beide mit umfangreichen Listen – immerhin hatten wir uns für vier Tage selbst zu versorgen. Schliesslich fanden wir sogar Xenos Lieblings-Eistee. Einige Tage später montierten wir im Bahnhof Bern die Mikrophone und fuhren vom Kameramann begleitet mit dem Zug nach Oey-Diemtigen und mit dem Postauto bis Zwischenflüh. Dort stiess die Drohnenfrau zu uns, wir schulterten die schweren Rucksäcke und stiegen bergan.

Die Sonne schien, der Bergahorn leuchtete in schönstem Herbstgelb, über unseren Köpfen surrte die Drohnenkamera. Nach vier Stunden Wanderung plötzlich das Ferienhaus in einer lockeren Lichtung des Bergwaldes. Seine Müdigkeit vergessend, ohne Vorgabe des Drehbuches, aber von der filmenden Drohne verfolgt, sprintete Xeno samt Rucksack über die Alpweide bis zum Chalet, wo er uns strahlend erwartete. Es war ein besonderer Moment: nach Jahrzehnten erstmals wieder an diesem Ort, der mir so viel bedeutet hatte. Alles wie früher. Die einzigen Anpassungen waren eine Biotoilette und ein kleines Solarpanel, das nur sehr begrenzt Strom lieferte.

Nun begann die Arbeit. Fensterläden auf, Stühle von den Tischen, Nachtlager vorbereiten, Esswaren auspacken und ordnen, Ofen anfeuern, Tee kochen, Gemüse rüsten, Tisch decken. Xeno legte mit grösstem Eifer Hand an. Das Kamerateam machte sich Sorgen wegen dem Wetter. Der nächste Tag sollte noch schön sein, dann nahte eine Regenfront. Die geplanten Aktivitäten mussten auf diesen Tag konzentriert werden. Es war noch tiefe Nacht, als Xeno am nächsten Morgen den Ofen anfeuerte. Dann zogen wir mit Seil und Kletterausrüstung los. Zuerst galt es in den zerklüfteten Felsen des Niederhorns den Klettergarten zu finden. Endlich sahen wir ein paar Haken in der Sonne glänzen und kletterten eine Seillänge – Kamera auf der Seite, Drohne über uns. Dann runter zur Hütte, umpacken und Aufbruch zu einer langen Wanderung zur Frohmatthütte ob Blankenburg, vorbei am Kleinod Seebergsee.

In der Frohmatthütte konnten wir uns an einen gedeckten Tisch setzen. Nach dem Essen ein Jass und ab ins Massenlager. Die Leute von Meteo Schweiz hatten recht. Am Morgen trommelte der Regen aufs Hüttendach. Eingepackt in unsere Regenhäute machten wir uns auf den Weg. Unbeeindruckt vom garstigen Wetter erzählte mir Xeno unablässig Geschichten und Witze. Als wir uns dem Alpengasthof Stierenberg näherten, schwärmte er von der riesigen Tasse Schokolade mit Schlagrahm, die er gleich trinken werde. Das Restaurant war geschlossen. Immerhin konnten wir auf der Terrasse vom Regen geschützt unseren Tee aus der Flasche und ein Darvida geniessen. Als wir zum letzten Pass des Tages hochstiegen, sang Xeno in aller Lautstärke (leider ohne Mikrophon) «Giggerig». Zurück in Obergesteln machten wir uns gleich wieder an die Arbeit. Nach dem Nachtessen wiederholten wir unsere Wege auf der Landeskarte. Als wir am nächsten Morgen die Fensterläden öffneten, beschien die fahle Sonne eine frisch verschneite Landschaft. Das Kamerateam hatte sich schon verabschiedet, als Xeno und ich immer noch mit Putzlappen und Besen hantierten, um die Hütte in tadellosem Zustand zu hinterlassen.

Monate später waren wir zur Premierenfeier von «Ferien wir früher» eingeladen. Im Vergleich zu den Reisen nach Kapstadt, zum Grand Canyon und nach London war unser Trip absolut unspektakulär. Eines ist mir klar geworden: die Intensität eines Erlebnisses ist nicht von der Reisedistanz abhängig.

Noch heute kommt es vor, dass mich auf einem Wanderweg jemand anspricht und fragt: «Ätti, masch no?»

Autor: Benedikt Weibel


Impressionen von Benedikt Weibel & Xeno

Quelle Bilder: SRF

 

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